Nahkampfausbildung und Kampfsportarten im 3. Reich

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    • Nahkampfausbildung und Kampfsportarten im 3. Reich

      Hallo zusammen!

      Ich versuche mich gerade an einer Dissertation über die Wurzeln einer deutschen Kampfkunst. Die Arbeit wird von Prof. Dr. Swen KÖRNER vom pädagogischen Institut der Deutschen Sporthochschule Köln betreut.

      Gegenstand der Untersuchung ist der Versuch, die Entwicklung eines eigenständigen deutschen „Systems“ der Selbstverteidigung und des militärischen Nahkampfes nachzuweisen – oder, wenn das nicht gelingt, zuerklären, warum es nicht dazu gekommen ist. Als aktiver Kampfsportler liegt es nahe sich zu fragen, warum es bei uns das englische Boxen, das amerikanische Kick-Boxen, das japanische Judo / Jiu-Jitsu / Karate / Aikido, das chinesische Wu-Shu / Tai-Chi / Sanda, das thailändische Muay Thai / Muay Boran / Krabbi Krabong, das brasilianische Jiu-Jitsu / Capoeira, das russische Systema / Sambo, dasisraelische Krav Maga und dergleichen mehr gibt, aber eben keine deutsche Kampfkunst. Warum wurde nichts Eigenes entwickelt? Oder gab es ein System, das aber nicht bekannt („populär“) geworden ist?

      Ich denke dabei weniger militärisch alskulturhistorisch. In einer Zeit, in der sich die Staatsministerin Aydan ÖZOĞUZ(SPD) in einem Gastbeitrag für den Tagesspiegel unwidersprochen zu der Behauptung versteigt, dass jenseits der Sprache eine deutsche Kultur »schlicht nicht identifizierbar« sei, erscheint es mir wichtig, sich mit eben dieser Kultur zu befassen!

      Historisch scheint es so zu sein, dass dermilitärische Nahkampf zusammen mit dem Körperlichen Training (Geräteturnen, Leichtathletik, Fechten, … ) unterrichtet wurde. Natürlich würde ich als Sportler gerne wissen, was genau trainiert wurde, um mir ein Bild von den Techniken und deren Entwicklung machen zu können. Was ich aber noch vielspannender finde, ist die Frage, wo es her kommt! Bei der oberflächlichen Durchsicht der in Buchform oder im Internet frei zugänglichen Quellen bekommt man nämlich schnell den Eindruck, Kommando-Unternehmen seien eine englische Erfindung (Special Air Service / David STIRLING) und moderne militärische Nahkampfsysteme (Defendu / William Ewart FAIRBAIRN) ebenfalls. Beideserscheint mir wenig wahrscheinlich.

      Die Anwendung von körperlichen Techniken ist im militärischen Nahkampf die Ausnahme, das stellte schon der General Hermann GEYER (1891 - 1969) nach dem Ersten Weltkrieg in seinem Handbuch Der Angriffim Stellungskrieg fest:

      »Der Nahkampf wird mit der Schusswaffe entschieden.«

      Generell scheint es daher sinnvoll, sich mit militärischen Spezialeinheiten zu befassen, bei denen man davon ausgehen muss, dass sie tatsächlich in einen Nahkampf verwickelt werden könnten. Im II. Weltkrieg waren das vor allem die Einheiten der Abwehr (Brandenburger), Wehrmacht (Fallschirmjäger, Meereskämpfer, …) und der Waffen-SS (Jagdkommandos). Der Ausbildungsstand in der Wehrmacht war - zumindest in den ersten Kriegsjahren - extrem hoch, doch über die Nahkampfausbildung findet man fast nichts. Scheinbar gab es in Deutschland niemanden, der – trotz nationalem Chauvinismus – ein eigenes System erarbeitethat. Zwar gab es im Boxen Versuche, einen „Deutscher Faustkampf“ (im Gegensatzzum englischen „pricefight“) zu entwickeln und auch Erich RAHN betonte, er habedem Jiu-Jitsu der Japaner Techniken hinzugefügt, die dem deutschen Athletenangemessener seien, aber das waren nur marginale Veränderungen, kein großer Wurf. Die Amerikaner hatten Rex APPLEGATE, die Briten William E.FAIRBAIRN, die Russen V.A. SPIRIDONOV und die Israeli Irmi LICHTENFELD - und„wir“ haben nur zugesehen?

      Das ist zwar das Bild, was sich heute darstellt, es erscheint mir aber sehr unwahrscheinlich. Nicht nur weil die Notwendigkeit ja offensichtlich gegeben war, sondern auch, weil

      »… die deutschen Infanteristen ihren britischen und amerikanischen Gegnern immer um 50 Prozent höhere Verlustebeibrachten, und das in jeder Situation. Das galt auch für den Fall, dass sie in die Verteidigung gedrängt wurden und, wie meist, unterlegen waren.«

      Der Nahkampf Mann gegen Mann kam vor und die Soldaten der Wehrmacht haben sich dabei hervorragend bewährt. Ohne entsprechendes Training geht das nicht! Zwar enthält die Ausbildungsvorschrift der HJ für die Ertüchtigung der Deutschen Jugend sowohl mehrere Kapitel über die Grundausbildung im Boxen als auch – als Ergänzung – Ausführungen über den Bodenkampf, aber nur weil etwas aufgeschrieben wurde, bedeutet das ja nicht, dass es auch flächendeckend zur Anwendung kam, bzw. von RAD und Wehrmacht bei der Ausbildung vorausgesetzt werden konnte. Auch ist mir nicht bekannt, dass es Versuche gegeben hat, ein altes, womöglich „germanisches“ System „wieder zuentdecken“. Mir will nicht einleuchten, dass es ausgerechnet im Lande der Deutschen Industrie Norm keine einheitlichen Ausbildungsrichtlinien für den militärischen Nahkampf gegeben haben soll. Leider bin ich mit meiner Untersuchung reichlich spät dran – 74 Jahre nach Kriegsende.

      Dass Adolf Hitler im seinem K(r)ampf auch über das Boxen fabuliert hat, ist bekannt, doch die Nahkampfausbildung basierte eher auf Judo und Jiu-Jitsu. Die deutsche Sprache ist sehr präzise. In dem Wort Kampfkunst kommt der Kampf vor der Kunst. Im Ju-Do (Sanfter Weg) wird der erzieherische Wert betont, im Jiu-Jitsu (Sanfte Technik) die Selbstverteidigung. In Japan kam der Budo-Gedanke erst auf, nachdem US-amerikanische Kriegsschiffe die Öffnung der Häfen erzwungen hatten und den Samurai klar wurde, dass ihre Zeit vorbei ist. Erst der Kampf, dann die Kunst.

      Und bei der Wehrmacht soll es anders herum gewesen sein, d.h. man hat die Kunst wieder auf ihren kämpferischen Kern zurückgebogen? Über Jahrhunderte wurde in Deutschland gekämpft und gestorben - und dann musste man auf pädagogische Leibesübungen aus Japan zurückgreifen, weil niemand mehr wusste, wie es geht? Nicht sehr glaubhaft... Obwohl es bei Bundeswehr, NVA und österreichischem Bundesheer nach dem II. Weltkrieg genauso gewesen ist: da wurden dann über die Jahre – entsprechend den aktuellen Moden der Kampfsportszene – Elemente aus dem Karate (Shotokan, Goju-Ryu), dem Kick-Boxen, dem Wing Tsun, dem bras. Jiu-Jitsu/ MMA und dem Krav Maga integriert. Das überrascht, verweist man beim Shaolin Kung-Fu, beim Muay Thai oder auch beim Okinawa Karate doch immer wieder gernauf die kriegerischen Wurzeln der Kunst…

      Langer Rede kurzer Sinn: Ich sammle gerade ALLES, was ich an Originaldokumenten (auch in Kopie) und Photos über die waffenlose Nahkampfausbildung in Deutschland (Streitkräfte derdeutschen Teilstaaten vor der Reichsgründung, Kaiserliche Armee, Reichswehr, Freikorps, politische Kampfbünde der Weimarer Republik von den Rotfrontkämpfern bis zur SA, von der HJ bis zu den Edelweißpiraten, RAD, Wehrmacht, Abwehr / Brandenburger, RSHA und Waffen-SS, Bundeswehr und NVA, Österreich. Bundesheer) finden kann. Ich will einerseits die verwendeten Techniken dokumentieren und andererseits versuchen, deren Herkunft zu entschlüsseln (Ringen / Boxen / Judo / Jiu-Jitsu /... spezifisch deutsche Eigenentwicklung???)

      Für jede Hilfe bin ich mehr als dankbar!!!

      Mit freundlichen Grüßen –

      z.b.V.
    • Hallo z.b.V.,

      erstmal ein herzliches Willkommen hier im Forum. Ich muß gestehen, dass ist wirklich ein äußerst interessantes Thema, was dich zu uns geführt hat. Ich beschäftige mich ja schon relativ lange mit der Wehrmacht und dem 2. Weltkrieg aber so ein Thema habe ich bisher noch nicht gehabt.

      Ich für mich muß erstmal schauen, welche Quellen man in dieser Beziehung am besten sichten sollte. Ich werde mich dazu auf jeden Fall wieder melden.

      Gruß
      Michael

      PS: Ich glaube das es besser ist zu deiner Frage einen neuen Bereich zu erstellen, bitte nicht wundern.
      Ein Projekt von wehrmachtlexikon.de
    • Hallo z.b.V.,

      anbei mal etwas zur Ausbildung der Marineeinsatzkommandos der Kriegsmarine:

      Infanterie und Pioniere stellten fronterfahrene Ausbilder, vor allem solche mit Ostfronterfahrung. Die Erdkampfausbildung der Stoßtruppkämpfer im scharfen Schuss und im Umgang mit Sprengsätzen wurde möglichst wirklichkeitsnah gestaltet.

      Schwimm- und Jiu Jitsu-Lehrer brachten den Aspiranten Methoden der waffenlosen Selbstverteidigung und das lautlose Beseitigen feindlicher Posten bei.

      Quelle: Das Kommando der Kleinkampfverbände der Kriegsmarine von H. Blocksdorf

      Gruß
      Michael

      PS: Im übrigen möchte ich dich bitten uns einen Hinweis zu geben, wenn du mit den selben Fragen bereits in anderen Foren unterwegs bist. Wie du dir bestimmt vorstellen kannst, ist es alles andere als zielführend die gleichen Inhalte zu erarbeiten.

      forum-der-wehrmacht.de/index.p…den-truppen-des-3-reichs/
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    • Nachtrag:

      die Ausbildung der M.E.K.-Kämpfer erfolgte in den Ausbildungs-Abteilungen:

      - Kappeln
      - Heiligenhafen

      Die Nahkampf- und infanteristische Gefechtsausbildung erfolgte auch in Bad Sülze sowie in Stolp und Kolberg.

      Quelle: Das Kommando der Kleinkampfverbände der Kriegsmarine von H. Blocksdorf

      Gruß
      Michael

      PS: Hier finden sich auch noch div. Infos zu diesem Thema:

      forum-marinearchiv.de/smf/index.php/topic,20624.0.html
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    • Nachtrag:

      folgendes Buch habe ich zu diesem Thema auch noch vorliegen:

      Nahkampfschule von Hermann Teske
      Berlin 1930

      Quelle: Archiv

      Gruß
      Michael
      Dateien
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    • Moin zusammen,

      zur Ausbildung von Scharfschützen in der Waffen-SS habe ich auch noch etwas gefunden. In einer Übersicht ist ein Vermerk vorhanden das in der 2. Ausbildungswoche Nahkampfgriffe vermittelt wurden.

      Das Dokument ist von 1944 und steht in dem Buch Scharfschützen in der Waffen-SS von Bernhard Jocher

      Beste Grüße
      Robert