Werdegang meines Onkels.

    • Werdegang meines Onkels.

      Hallo,

      nachdem ich das Forum schon seit längerer Zeit als Gast besucht habe, möchte ich mich heute vorstellen. Ich heiße Arno und bin 64 Jahre alt und lebe als Rentner glücklich und zufrieden am Fuße des Schwarzwaldes. Ich durfte als Panzeroffizier noch die Glanzzeiten der Bundeswehr erleben. Bis zum 60. Lebensjahr habe ich das schwarze Barett mit Stolz getragen.
      Zeitlebens habe ich mich mit Militärgeschichte beschäftigt. Vor einigen Jahren habe ich den Weg meines vermissten Onkels von der Wilhelmsburg in Ulm, über das Fort Chavannac bei Cherbourg, Burg bei Magdeburg bis zu seinem vermutlichen Todesort bei Schwiebus/Ostbrandenburg, verfolgt. Davor waren umfangreiche Recherchen notwendig. Zuletzt war ich an der Exhumierung eines Massengrabes mit über 150 Männern, Frauen und Kindern dabei die von von der ruhmreichen roten Armee brutalst masakriert und auf einer Müllkippe entsorgt wurden.
      Nächstes Jahr im Mai möchte ich mit meinem Sohn das Panzermuseum in Kubinka bei Moskau besuchen. Wer war schon einmal dort? Was gilt es zu beachten? Dieses Jahr waren wir in Bovington Camp in England.
      Ich gehe mal davon aus, dass das nicht so einfach wird.

      Viele Grüße aus dem Schwarzwald

      Arno
    • Moin Arno!

      Herzlichst willkommen hier im Forum und Danke dass Du den Weg hierher gefunden hast.
      Der Weg Deines Onkels dürfte für andere Mitglieder hier auch sehr interessant sein. Wenn Du magst könntest Du einen Kurzabriss uns hier vermitteln; d.h. Einheit/Truppe wäre der 1te Ansatz.
      Vmtl. war er anfänglich ein Angehöriger des Inf.Rgt./Jg.Rgt. 56.

      Beste Grüße & schönen 2ten Advent,
      Uwe
    • Werdegang meines Onkels

      Mein Onkel wurde 1914 geboren. Er hatte bei seinem Vater Müller gelernt und wurde 1935 zum Artillerieregiment 5 in Ulm an der Donau eingezogen. Nach dem Einmarsch in die entmilitarisierte Zone verlegte das Regiment nach Rastatt. Er wurde nach seiner aktiven Dienstzeit als Unteroffizier entlassen.
      Bei Kriegsausbruch 1939 wurde er zu einer Grenzwachtbatterie einberufen, welche am Westwall bei Rastatt in Stellung lag. Nach dem Frankreichfeldzug, an dem die Batterie aktiv beteiligt war, wurde sie nach Cherbourg auf das Fort Chavagnac im Hafen verlegt. Mein Onkel war dort Oberwachtmeister und Batteriefeldwebel. Der Etappendienst hat ihn nicht sonderlich begeistert und er meldete sich Ende 1942 zur Sturmartillerie. Er wurde zur leichten Sturmartillerieabteilung 911 versetzt und erhielt in Neisse/Schlesien die Ausbildung zum Sturmgeschützkommandant. Im Frühjahr 1943 wurde die Abteilung in den Raum Kursk verlegt. Er war in der ersten Batterie. Sein Zugführer war der Ritterkreuzträger Johannes Kochanowski. Der Angriff begann im Südabschnitt Richtung Obojan. Die Brigade war bei der Panzerschlacht von Prochorowka dabei. Nach Kursk wurde die Brigade aufgesplittert und wurde den verschiedenen Infantrieeinheiten zur Panzerabwehr unterstellt und nie mehr geschlossen eingesetzt. Im Kessel von Tscherkassy wurde das Sturmgeschütz meines Onkels beim Versuch, eine kleine Kampfgruppe zurückzuholen abgeschossen und er wurde an der Wirbelsäule schwer verwundet. Bald darauf kam er in das Lazarett nach Lodz. Nach der Genesung wurde er nicht offiziell an der Front eingesetzt, sondern musste bei der Artilliezeugmeisterei in Burg/Magdeburg Geschütze an zu den anfordernden Einheiten an die Front bringen.
      Im Oktober 1944 wurde auf dem Truppenübungsplatz Altengrabow die Lehrbrigade 111 aufgestellt. An Weihnachten 1944 starb meine Großmutter nach einem Schlaganfall. Er und seine beiden Brüder waren zur Beerdigung daheim. Sie fand übrigens wegen Tieffliegern bei Dunkelheit statt.
      Nach seiner Rückkehr nach Burg wurde die Einheit Ende Januar Richtung Osten in Marsch gesetzt und wurde fast restlost aufgerieben. Eine Batterie wurde in Schneidemühl eingesetzt. Bei dem Versuch, zur Reichsstrasse Nr. 1 in Richtung Schwiebus durchzubrechen trafen die Reste der Batterie auf starke sowjetische Kräfte, die schon am Tag zuvor Kutschlau, einige Kilometer von Schwiebus entfernt besetzt hatten. Ich habe mehrere Zeitzeugen ausfindig gemacht, die mir berichtet haben, dass die Toten in einem Splittergraben beigesetzt wurden. Nach der Vertreibung der deutschen Bevölkerung wurden die Toten in einer Sandgrube in der Nähe des Galgensees verscharrt.
      Dem Rest der Kampfgruppe gelang es bei Kuhnersdorf bei einem Gegenngriff von Großdeutschland und Oberst Rudel auf die andere Seite der Oder zu gelangen. Mein Onkel war Täger des EK1, des silbernen Verwundetenabzeichens und des allgemeinen Sturmabzeiches.
      Nach meinen Recherchen wurde in den siebzigern ein STGlll aus dem Galgensee mit gebrochenem Kardan geborgen. Es gehörte zur 1. Batterie. Sogar der Marschkredit war noch gut zu lesen.
      Ich besitze noch den gesamten Briefwechsel aus Russland, sowie einen Ordner mit dem Personal, dem Inventar und den Dienstplänen der Küstenartilleriebatterie. Anhand des Alarmplans und eines Photos nach der Eroberung durch die Amerikaner konnte ich das Fort Chavagnac eindeutig als Batteriestellung zuordnen.
      Von den Angehörigen der Küstenartilleriebatterie haben alle den Krieg überlebt.
    • Hallo Arno,

      vielen Dank für diesen prompten ausführlichen und auch erhellende Bericht, über den Werdegang Deines Onkels.
      Leider habe ich mit meiner Vermutung mehr als "daneben gelegen".:D
      Mit den Stu.Gesch.-Truppen bin ich nicht so bewandert, aber soweit mir erinnerlich hat Florian v. Aufseß mehrere Bücher über jene veröffentlicht.

      Beste Grüße,
      Uwe

      PS: @Mod's
      Vllt. könnte man diesen Bericht von Arno in einen anderen bzw. passenderen Bereich verschieben.;)
      Avatar im Gedenken an Daniel BRUNSSEN, Wachtm., 2./Aufkl.Abt. 118 (*4.7.14 Bremen - vermisst 7.5.44 Dalmatien), EM -8- Krad-Meld.Zug 22
    • Coreolan;27677 schrieb:


      Von den Angehörigen der Küstenartilleriebatterie haben alle den Krieg überlebt.


      Hallo Arno,

      herzlich Willkommen hier im Forum. Ein wirklich interessanter und gut recherchierter militärischer Werdegang deines Onkels.

      Es ist schon tragisch, bedingt durch die Meldung deines Onkels zur Sturmartillerie, hat er sich von einem eher Sicheren Posten so ins Frontgeschehen gebracht und gilt leider bis heute als vermisst.

      Ich selber kenne einen jetzt 96. Jährigen Leutnant ( Jahrgang 1920) der von 1940 bis Kriegsende bei der Küstenartillerie im Reich diente und somit keinen wirklichen Kriegseinsatz erleben musste. Er hat dadurch den Krieg überlebt.
      ( Ich habe hier im Forum dazu schon einmal etwas mitgeteilt )

      Gruß
      Martin :)
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